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Zu ihrem Gedächtnis

Dr. Veronika Schlör, Studienleiterin der Katholischen Akademie Hamburg 

Was prägt unser Gedächtnis? An wen erinnern Sie sich? Und wodurch? Vielleicht durch Fotos, Briefe oder Geschichten, die immer wieder erzählt werden. Davon, wie der Großonkel den Krieg überstanden hat. Oder wie die alte Freundesclique in den 70er Jahren zu dem legendären Stones-Konzert fuhr. Solche Geschichten werden erzählt, wenn die Familie, wenn der Freundeskreis zusammenkommt. Sie bringen uns einander näher, da sie uns bewusst machen, dass wir eine geteilte Erinnerung, eine geteilte Geschichte haben.

Auch die Kirche ist eine Erinnerungsgemeinschaft. Auch sie braucht und hat ihre Geschichten. Natürlich steht hier die Geschichte Gottes mit seinem Volk und im Neuen Testament diejenige von Jesus im Zentrum. Aber Jesus war ein Mensch, dessen Wesen und Botschaft sich vor allem in seinen Beziehungen zu Gott und den Menschen zeigte. Deswegen sind die Menschen um ihn herum so wichtig, und das, was sie mit ihm erlebt, wie sie mit ihm zusammen gehandelt haben. Und auch die Erinnerung daran, wie die ersten christlichen Gemeinschaften gelebt haben, wie sie versucht haben, die neue und befreiende Botschaft Jesu umzusetzen, ist elementar.

Wer fällt Ihnen da ein, welche Figuren bestimmen unser Bild von der Gemeinschaft um Jesus und danach von den ersten Christen? Ich schreibe bewusst „Christen“, denn es sind fast ausschließlich Männer, die im allgemeinen Gedächtnis verankert sind. Wenn es Ihnen anders geht: umso besser!

An Frauen muss erinnert werden

„Zu Ihrem Gedächtnis“, heißt ein Buch aus den 1980er Jahren, das schon selbst der Erinnerung bedarf. Die katholische Theologin Elisabeth Schüssler-Fiorenza hat darin eine „feministisch-theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge“ vorgestellt.

Es ist keine einfache Sache, die Historie um die Dimension der Geschichte von Frauen zu erweitern und den Blick zu ergänzen oder auch zu verschieben. Denn die Texte aus der Zeit des Urchristentums, die uns als Grundlage geblieben sind, wurden selbst in einer Zeit verfasst, die alleine von Männern geprägt war. Es braucht also eine besondere Herangehensweise. Elisabeth Schüssler-Fiorenza nennt das eine “Hermeneutik des Verdachts” – eine Lesart, bei der mitgedacht ist, was zwischen den Zeilen steht. Ein Beispiel: Wenn Frauen geboten wird in der Gemeinde zu schweigen, zeigt das implizit, dass sie eben nicht geschwiegen haben. Sonst hätte es des Gebotes ja nicht bedurft. Wo also sind ihre Stimmen?

Mit dieser kritisch-feministischen Methode konnte Schüssler-Fiorenza die Spuren von Frauen aufdecken. Kenntnisse aus der Sozialgeschichte bezog sie ein. Das Leben der Menschen im Umkreis und in der Nachfolge Jesu zeigt, dass es sich bei diesen Christinnen und Christen um eine “Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten” handelte, die miteinander solidarisch war. Darauf weist zum Beispiel die Geschichte von der Salbung Jesu durch eine Frau im Markusevangelium hin: „Auf der ganzen Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man auch erzählen, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.“

 Von dieser Frau wird kein Name überliefert, doch von anderen sehr wohl. Der Apostel Paulus selbst, ein Mann, der hin- und hergerissen ist zwischen alten patriarchalen und neuen, gleichberechtigten Strukturen, erwähnt in seinen Briefen an die ersten christlichen Gemeinden Frauen als Mitarbeiterinnen: zum Beispiel Priska, Apphia, Phöbe, Tryphäna, Tryphosa, Persis. Haben Sie von diesen Frauen schon gehört?

 Manche sind inzwischen bekannter geworden, so auch Junia. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom nennt Paulus Junia sogar „Apostelin“. Jahrhundertelang war in diesem Brief allerdings von einem “Junias” zu lesen, ein Männername. Nur, dass die historische Wissenschaft erforscht hat, dass es diesen Namen nie gegeben hat und aus Junia irgendwann ein Mann gemacht wurde. Einfach, weil man(n) es sich nicht vorstellen konnte, dass eine Frau den Ehrentitel “Apostelin” trägt. In den neuen Bibel-übersetzung steht an dieser Stelle nun also wieder “Junia”, wie es richtig ist und ihr und der Erinnerung an sie gebührt.

Erinnerte Frauengeschichte ermutigt

Mitte September organisierte die Katholische Akademie Hamburg zusammen mit anderen Bildungshäusern eine internationale Tagung mit dem Titel “Frauenpower und Männermacht“. Es ging um Potenziale und Hindernisse für eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen in der Katholischen Kirche. Es kamen Theologinnen aus Afrika, Asien, Europa, Südamerika und den USA zu Wort. Eine beeindruckende Stimme war die von Dr. Nontando Hadebe. Eine Südafrikanerin, die das internationale Netzwerk “Catholic Women Speak” (CWS) vertrat. Dieses Netzwerk stellt sich in die Tradition einer biblischen Frauengeschichte, nämlich in die der fünf Schwestern von denen das 4. Buch Mose erzählt – mit Namen Machla, Tirza, Hogla, Milka and Noa. Die Frauen erreichen ihr Ziel, die Erbordnung zugunsten von Frauen zu ändern, indem sie gemeinsam auftreten, aber jede aus ihrer Perspektive spricht. Dann heißt es: “Und Gotts sprach: Die Töchter Zelofhads haben Recht.” Gott spricht den Frauen das Recht auf eigenen Grund und Boden zu. So ist heute CWS organisiert: solidarisch im Ziel für mehr Geschlechtergerechtigkeit und dabei so, dass jede einzelne sich mit ihrem je eigenen Hintergrund einbringen kann.

Wer sich in eine Tradition stellen kann, ist verwurzelt

In der katholischen Kirche werden beileibe nicht nur in Deutschland die Frauen lauter, die ihre Erfahrungen und Fähigkeiten, ihr Wissen und ihr Engagement zu Gehör bringen und die mehr wollen. Erinnerung kann dabei stärken und unterstützen. Denn wer sich in eine Tradition stellen kann, steht nicht wurzellos da. Erinnerung an die biblischen und die historischen starken Frauengestalten – an die Kirchenlehrerinnen Hildegard v. Bingen, Katharina v. Siena und wie sie alle heißen –  ist unendlich wertvoll. Genauso wie die Erinnerung an Vorkämpferinnen wie die ersten Theologinnen und Feministinnen, aber auch an die “ganz normalen” Frauen im persönlichen Umfeld – Mütter, Schwestern, Freundinnen, die mir den Weg gewiesen haben und zur Seite gestanden sind.

Auch die Erinnerung an schon einmal Erforschtes und erworbenes Wissen ist nicht zu unterschätzen, denn nur wenn diese Weitergabe intakt ist, muss das Rad nicht in jeder Generation neu erfunden werden. Die Frauenbewegungen wie die Kirchen kranken zuweilen an Geschichtsvergessenheit. Andere Jahrhunderte kannten durchaus eine andere Praxis, was die Aufgaben von Frauen in ihr angeht. Gegen Geschichtsvergessenheit hilft: Erinnerung!

In ähnlicher Form ist dieser Beitrag von Dr. Veronika Schlör in der Hamburger Abendblatt-Beilage „Himmel & Elbe“ vom 29. Oktober 2021 veröffentlicht.

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NDR Podcast

NDR Podcast – Halal und Koscher: Welche Bedeutung haben religiöse Speisegesetze heute?

Gemeinsam mit Gesprächspartnern anderer Religionsgemeinschaften hat sich Akademiedirektor Dr. Stephan Loos in einem NDR Podcast zu Speisegesetzen und Speiseritualen und ihrer religiösen Herkunft geäußert.

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Ein Freund der Akademie

Mit Trauer nehmen wir Abschied von Monsignore Peter Schmidt-Eppendorf, der am 30. Juli verstorben ist. Die frühere Studienleiterin Frau Dr. Veronika Straub, die eng mit ihm zusammengearbeitet hat, erinnert sich:

„Msgr. Peter Schmidt-Eppendorf war der Akademie auf’s engste verbunden. Sei es in den von der Akademie organisierten „Vorträgen in den Gemeinden“, sei es im Akademie-Programm: seine Lesungen und Vorträge fanden stets ein begeistertes Publikum, denn er besaß die Gabe, genaue Sachkenntnis mit Lebendigkeit und Humor zu verbinden. Sein besonderes Interesse galt der Hamburgischen Kirchengeschichte und hier vor allem den vergessenen oder wenig beachteten Persönlichkeiten des Hamburger Katholischen Lebens. „Sie kamen aus unserer Stadt“ – unter diesem Motto standen seine Forschungen etwa zu dem Karmeliten P. Hermann Cohen, dem Seemannspastor Hans Ansgar Reinhold (zu dem er auch eine umfangreiche Biografie verfasste), dem Salesianer Bischof Josef Kleman oder dem Juristen und Dichter Lebrecht Dreves, der die Geschichte der katholischen Gemeinden in Hamburg und Altona schrieb. Aber auch als Rezitator fand Monsignore Schmidt-Eppendorf großen Zuspruch, wovon auch seine beiden Hörbücher zu Theodor Storm und Detlev von Liliencron zeugen.

Der Katholischen Akademie war er nicht nur durch seine Vorträge und Lesungen, sondern auch als Freund eng verbunden. Auch in der Zeit, da er auf öffentliche Auftritte verzichten musste, begleitete er aufmerksam das Programm der Katholischen Akademie, für die er auf seiner Homepage einen eigenen Link eingerichtet hatte. Er ist aus der Geschichte der Katholischen Akademie Hamburg nicht wegzudenken. Er fehlt uns und der Stadt, der zeit seines Lebens seine Liebe galt.“

Requiescat in pace!

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Podcast-Reihe anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl

GESPRÄCHE

Podcast-Reihe anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl
In unserem Podcast zum Jubiläum interviewt FSJlerin Michaela Schauer Personen, die sich besonders intensiv mit der Geschichte der Weißen Rose auseinandersetzen.

Hören Sie gerne rein!

Lene Markusen: Villa Romana-Preisträgerin 2021

Der Villa Romana-Preis ist der älteste deutsche Kunstpreis. Seit 1905 wird er jährlich an vier (in den Anfängen an drei) junge Künstler verliehen und ist mit einem mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt im Künstlerhaus Villa Romana in Florenz verbunden.

Bedeutende Preisträger sind u.a. Max Beckmann, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Georg Baselitz, Anna Oppermann, Markus Lüpertz, Horst Antes, Christiane Möbus, Michael Buthe, Katharina Grosse.

Lene Markusen in der Katholischen Akademie: 2014 „Antlitz. Von Imaginären Gegenübern und Figuren im Öffentlichen Raum Hamburgs“ Film und Gespräch

© Collage Lene Markusen, 2020, Foto: Saskia Allers

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Marylyn Addo: Medizinerin des Jahres 2020

Die Hamburger Infektiologin Prof. Dr. med. Marylyn Addo (50) ist die Medizinerin des Jahres 2020. Am 17. November wurde sie mit dem German Medical Award in Düsseldorf für ihre Forschung nach einem Impfstoff gegen den SARS-CoV-2-Erreger ausgezeichnet.

Marylin Addo in der Katholischen Akademie: 2020 Gesundheitsforschungstag
© Marylyn Addo, Foto: picture alliance/dpa/Ulrich Perrey

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Hinweis zu Corona

AUF GRUND DER AKTUELLEN LAGE

Informieren Sie sich bitte in unserem Online-Kalender über das aktuelle, geänderte Veranstaltungsangebot für 2021! Aufgrund der aktuellen Situation müssen einige Veranstaltungen der Katholischen Akademie Hamburg leider ausfallen oder werden verschoben, andere bieten wir als Online-Veranstaltungen an.

Schutz- und Hygienekonzept
Das aktuelle Corona-Schutz- und Hygienekonzept (Stand 19. Oktober 2020) für die Katholische Akademie Hamburg finden sie hier.

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GESPRÄCHE

Milena Hajto (FSJ-lerin 2019/20 in der Katholischen Akademie ) gemeinsam mit Mirja Langenbeck im Gespräch mit dem Hamburger Kultursenator Carsten Brosda.
Wir als Katholische Akademie Hamburg sind jedes Jahr wieder neu bereichert durch das Mitwirken unserer FSJ-ler*innen: durch ihr vielfältiges Engagement für unsere Institution, durch die zahlreichen Impulse, die wir von ihnen bekommen und vor allem, indem sie ihre junge Perspektive auf Themen mit uns teilen!

Gespräch anhören

GESPRÄCHE

Die Aufzeichnung zur ersten Veranstaltung „Analyse: Wo stehen wir?“ vom 1.9.2020 aus der Reihe „Wie wollen wir (zusammen) leben?“ ist jetzt online.

Video anschauen (1:56 h)

Ausgangspunkt des Gespräches zwischen dem Volkswirtschaftswissenschaftler Henning Vöpel, dem Theologen Hans Joachim Sander und dem Journalisten Jens Bergmann war Vöpels Standortbestimmung unserer Gesellschaft. In Anlehnung an sein aktuelles Buch „Disruption“ skizzierte er Digitalisierung, Globalisierung und Klimakrise als die großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit ihnen ist eine Auflösung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ordnungen verbunden: Konventionen, Regelungen, gesellschaftliche Absprachen und Rituale funktionieren bzw. passen immer weniger. Damit geht eine Steigerung der individuellen und kollektiven Ungewissheit einher, die ihrerseits Ängste hervorruft. Angesichts dieser disruptiven Erfahrung bedarf es, so Vöpels These, eines neuen Gesellschaftsvertrags auf der Grundlage von Vernunft, Gerechtigkeit und Freiheit.

Während Jens Bergmann infrage stellte, dass die Veränderungen so tiefgreifend sind, bestärkte Hans Joachim Sander die Analyse und führte den Begriff der Liminalität ein: wir befinden uns in einem Zwischenzustand. Die alte Ordnung gilt nicht mehr, die neue ist aber noch nicht da. In einer solchen Zeit braucht es eine Macht, die das Zusammenleben regelt. Durch und in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass in Deutschland der Staat diese Rolle übernimmt. Dennoch ist die Ohnmachtserfahrung des und der Einzelnen grundlegend: das souveräne Subjekt gibt es nicht (mehr). Es kommt darauf an, nicht verlorene Souveränität durch vermeintliche Souveränität zu kompensieren, sondern durch den Zusammenschluss von (gemeinsam) Ohnmächtigen eine positive Kraft zu entwickeln und etwas bewirken zu können.

Der Alltag ist der Raum, in dem der Umgang mit dem Neuen, noch nicht Absehbaren eingeübt werden kann und muss. Hier zeigt sich, welche Handlungsweisen funktionieren, was ausprobiert und eingeübt werden kann. Voraussetzung dafür ist Vertrauen in die anderen und sich selbst sowie Bildung, d.h. selbstständig urteilen zu können und Verantwortung hierfür in gesellschaftlichen Bezügen zu übernehmen.

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AKADEMIE UND LYRIK

Wir freuen uns sehr, dass die Lyrikerin Elke Erb dieses Jahr den Büchner-Preis erhalten hat. Wer vor einigen Jahren in unserer Reihe „Poesie in der Galerie“ dabei war, konnte dort auch von ihr Gedichte lesen. Im kommenden Halbjahr bieten wir unter der Überschrift „Blackbox Poesie“ wieder eine Lyrik-Reihe an und laden Sie schon jetzt herzlich dazu ein. Die Zeit für Gedichte ist reif. Lassen Sie sich überraschen!